Ein Vorwort

Die Köchin oder Der Mord im MoorVito von Eichborn ist seit März 2006 neuer Herausgeber der Edition BooksonDemand. Aus 20.000 Titeln wählte er 12 Bücher aus, auch meine Criminalgeschichte!

Hier das Vorwort:

Meine Buchhändlerin sagte mir, „ja“, sagte sie ...

„... ja, das Thema hört sich gut an. Aber Worpswede und das Leben der Künstler dort ist so oft durch die Mühle gedreht worden ..."

"Aber darum geht's doch gar nicht! Erstens spielt das kaum in Orten, sondern vor allem tief im Teufelsmoor, und zweitens nicht vor hundert, sondern vor über 200 Jahren."

"Und warum soll mich das interessieren?", fragte sie frech. "Wenn es nicht um Kunst geht, nicht mal um Prominente der Geschichte, ja wie soll ich das verkaufen?"

"Also bitte", ich suchte nach Worten, "zunächst mal ist dies eine Liebesgeschichte. Und es ist ein Krimi. Und ..."

"Bitte genauer", unterbrach sie mich wie so oft, "jeder gute Roman, na gut, fast jeder, ist auch eine Liebesgeschichte. Und Krimis – da drüben ist ein ganzes Regal voll. Worum geht's überhaupt?"

"Also die Line ist Köchin in Bremen, und zum Entsetzen ihrer Herrschaft verliebt sie sich in Früllerk, heiratet ihn und zieht auf seine einsame Torfstelle. Grete wird ermordet aufgefunden. Claas wird zu Unrecht verdächtigt. Die arrogante Bäuerin Sandvoss schikaniert sie alle. Und der Amtsdiener hat Hunger ..."

"Ja und?", wurde sie ungeduldig, "also eine historische Kleine-Leute-Geschichte ..."

"Ja, genau das!" wurde ich schroff, "endlich mal nicht neue deutsche Befindlichkeitsliteratur aus der Nachbarschaft, die mich meist langweilt. Die neue Beziehungskiste und der Spaziergang durch Berlin und Frankfurt gehen an mir vorbei. Dieser Roman erzählt aus einer uns völlig fremden Welt – vom Leben unserer Vorfahren und den Härten des Daseins."

"Also ich dachte, der sozialistische Realismus sei inzwischen out", lästerte sie nun, "von wegen Heldentum in der Arbeitswelt ..."

"Halt, nein", rief ich dazwischen, "also noch mal von vorne.

Es geht um die Menschen und ihr Überleben im Moor. Und das ist nicht nur verdammt ergreifend – sondern wirklich auch lehrreich. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde durch Kolonisten im Moor die Landgewinnung vorangetrieben. Den Commissarius Findus, der später Moorvater genannt wurde, gab es wirklich. Wenn man von Worpswede oder Fischerhude Ausflüge macht, erschließt sich die ganze Faszination dieser Landschaft, und ..."

"Von der werden unsere Helden wenig genossen haben", bemerkte die Buchhändlerin trocken. "Also: ist das für meine Leserinnen auch so etwas wie Heimatkunde?"

"Aber ja, richtig, genau! Hier wird Buchweizen gemahlen, werden Pannkoken gebacken, gibt es Biersuppe. Und unser verliebtes Pärchen schafft es, als erste in der Gegend Tartuffels anzubauen – Köchin Line bringt auch den Zweiflerinnen Kartoffelrezepte bei. Die Hütte auf nacktem Boden, die Torfkähne, die Tierhaltung, das Alltagserleben der Kinder, die Knechte und Mägde der Großbäuerin, die Nachbarschaftshilfe und die Härten der Natur in der Einsamkeit – ja, es entsteht so etwas wie Heimatkunde, die sehr lebendig, ja anrührend wird. Das ist absolut gründlich recherchiert ..."

Sie hatte mir das Buch aus der Hand genommen und hin und her geblättert.

"Bickbeeren und Brammwien, Schlick und Schiet und Schlipp – wie norddeutsch ist das? Versteht das ein Normalmensch?", fragte sie immer noch ein bißchen skeptisch.

"Ach was", wurde ich kurz angebunden. "Erstens spielt das nun mal im Norden, da gehört das dazu. Dadurch wird es erst richtig echt. Und zweitens ist natürlich im Anhang ein Glossar mit weiterführenden Erläuterungen. Übrigens gibt's da auch ein paar Rezepte, von Labskaus bis Bremer Kloben. Und nicht vergessen: Eine stimmige Kriminalgeschichte hält das alles zusammen. Die Interaktion der Menschen, Verdächtigungen und Klatsch, und, ja, die Arbeitswelt sind sehr anschaulich. Und natürlich wird unsere Heldin Line, die für die Alteingesessenen mit ihren modernen Einstellungen auch ein Eindringling ist, den Verbrecher enttarnen. Das ist ja kein Lehrbuch, sondern pure Unterhaltung ..."

Sie hatte sich nun offensichtlich festgelesen. "Das werde ich ganz achtertüksch auch übers Kochen an die Leserin bringen", murmelte sie, "und an Krimi-Leser, und historisch Interessierte, und, ja natürlich, an Leute, die aus Friesland oder aus Bremen kommen, und an Worpswede-Touristen ..."

Die Glocke an der Eingangstür klingelte, ohne weiteres Wort eilte sie zu den Kunden.

Erstaunlich, wie meine Buchhändlerin immer alles auf den Punkt brachte, auf ihren Standardspruch: "Ein gutes Buch ist ein verkauftes Buch."

Und ich dachte immer, es sollte vor allem gelesen werden.

Viel lehrreiches Vergnügen dabei wünscht

Vito von Eichborn

Übrigens:

Wie Line und Früllerk im nächsten Herbst im Günnemoor lebten und arbeiteten, können Sie ab Sommer 2007 erfahren, denn dann erscheint der nächste Band, wieder als Krimi.

 

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